Karpatenbüffel

"Der Karpatenbüffel ist ein spezieller Schlag des mediterranen Wasserbüffels. Die von mir betreute Population in den ukrainischen Karpaten versammelt die letzten reinrassigen Vertreter der nördlichsten Wasserbüffel weltweit. Der Karpatenbüffel konnte sich seit der Antike an das raue Klima der Berge anpassen und wurde vor allem wegen seiner Stärke, Ausdauer und Gutmütigkeit in der Landwirtschaft als lebendiger Traktor gehalten. Dabei gibt er den Menschen, die mit ihm leben und ihn wie ein Familienmitglied lieben, jeden Tag bis zu 10 l besonders fetthaltiger Milch. Er verteidigt den Hof und die Weiden gegen Eindringlinge, Wölfe und Bären, kann bis zu 25- mal kalben und überlebt den Winter mit niedrigster Futterqualität. In einigen Dörfern in der Region Maramuresch gab es früher wegen seiner Vorteile für einfache Selbstversorgergemeinschaften mehr Büffel als Kühe. Nach wie vor ist der Karpatenbüffel kaum erforscht. In Rumänien sind in den letzten Jahren die Büffelbestände katastrophal zusammengebrochen. Hier, in der West-Ukraine, ist er momentan nur vorübergehend vor dem Aussterben gerettet, denn trotz einer Zunahme der absoluten Zahl der Tiere ist die Anzahl der Büffelhalter weiterhin rückläufig. Auch wird der Karpatenbüffel in modernen Betrieben auf seine Milchleistung oder die Fähigkeit als robuster Landschaftspfleger beschränkt, was meiner Vorstellung von Diversität und ganzheitlicher Entwicklung nicht gerecht wird. Außerdem gibt es ukraineweit nicht mehr als 300 Wasserbüffel, darunter nur einen geringen Teil reinrassiger Karpatenbüffel. Die gesamte Population ist stark von Inzucht bedroht und bedarf weiter internationaler Anstrengung und gemeinsamer Koordination. Ich kann mich erst zufrieden zurück lehnen, sobald die Population aus mehr als 7000 Tieren besteht, alle Eigenschaften wie die der überragenden Intelligenz der Tiere zum Tragen kommen und Menschen wieder beginnen, mit Büffeln zu leben."

Michel Jacobi in "Das andere Leben", veröffentlicht am 18. 02. 2020 im Rubikon

 

Der Karpatenbüffel lebt nahe der rumänischen Grenze in dem Oblast Transkarpatien.

Er stammt von dem so genannten mediterranen-Typ des Büffels ab, genetische Untersuchungen hierzu stehen jedoch noch aus. Eine nahe Verwandtschaft besteht historisch betrachtet und von dem Phenotyp abgeleitet mit dem rumänischen Karpatenbüffel. Diese nördlichste Büffelpopulation der Welt ist durch ihre mindestens 1500 jährige Geschichte in den Karpaten sehr gut an die lokalen Herausforderungen angepasst. Harte Klauen, dichtes Fell und kurze Beine machen ihn zum idealen Arbeitstier in den Bergen. Der Karpatenbüffel ist ein sehr guter Raufutterverwehrter, seine Ansprüche an Menge und Qualität des Futters sind geringer als die einer jeden Milchkuhrasse. Dabei kann ein Karpatenbüffel bis zu 10l Milch am Tag geben. Diese Milch hat einen Fettgehalt von ca. 8% und 6% Eiweiß. Noch vor 100 Jahren gehörte ein Büffel zu jedem guten Haushalt in den Karpaten. Heute gibt es keine 70 Tiere mehr in der Ukraine.

Die wirtschaftliche Zukunft des Karpatenbüffels ist noch immer unsicher. Seine hohe Intelligenz macht ihn ungeeignet für die Massentierhaltung, er ist eine seit Jahrtausenden für die Subsistenzwirtschaft gezüchtete Mehrzwecknutzungsrasse. Die Kollektivierung der Tiere in sowjetischen Großbetrieben bis in die 90er Jahre hat bereits zu massenhafter Dezimierung der Rasse geführt, auch haben Zucht- und Kreuzungsexperimente einen Teil der Population verunreinigt. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ist die nötige Haltungskultur für Karpatenbüffel in der Subsistenzwirtschaft in Vergessenheit geraten und es kam zu einer zweiten Dezimierungswelle. Heute versucht der deutsche Verein „Initiative zum Erhalt seltener Haustierrassen in den Karpaten“ diese Kultur unter neuen Bedingungen wieder zu beleben und weiter zu entwickeln. Wirtschaftliche Anreize, Vorbildfunktion, Beratung und das Aufbauen von Netzwerken sind die Ansprüche an die Organisation, um den noch vorhandenen Individuen Perspektiven zu schaffen. Es ist ein Herdbuch entstanden, eine Zuchtstation im Zentrum Transkarpatiens mit einer Nukleusherde in Sokyrnyzja und ein aktives Netzwerk aus allen Büffelhaltern mit mind. 5 Bullenlinien. Tourismus, Landschaftspflege, Mozzarella und Salami könnten zum Comeback dieser uralten Rasse führen.

Der Karpatenbüffel in der Ukraine ist weiterhin auf Unterstützung angewiesen, bringen auch Sie sich ein, indem sie den Verein unterstützen, als Tourist nach Transkarpatien kommen oder als ehrenamtlicher Helfer in einem der vielen Aufgabenfelder zum Schutz der Karpatenbüffel mitwirken.

Rosa Luxemburg über den Karpatenbüffel

"Ach, Sonitschka, ich habe hier einen scharfen Schmerz erlebt, auf dem Hof, wo ich spaziere, kommen oft Wegen vom Militär, voll bepackt mit Säcken oder alten Soldatenröcken und Hemden, oft mit Blutflecken ..., die werden hier abgeladen, in die Zellen verteilt, geflickt, dann wieder aufgeladen und ans Militär abgeliefert. Neulich kam so ein Wagen, bespannt, statt mit Pferden, mit Büffeln. Ich sah die Tiere zum erstenmal in der Nähe. Sie sind kräftiger und breiter gebaut als unsere Rinder, mit flachen Köpfen und flach abgebogenen Hörnern, die Schädel also unseren Schafen ähnlicher, ganz schwarz mit großen sanften Augen. Sie stammen aus Rumänien, sind Kriegstrophäen ... die Soldaten, die den Wagen führen, erzählen, daß es sehr mühsam war, diese wilden Tiere zu fangen, und noch schwerer, sie, die an die Freiheit gewöhnt waren, zum Lastdienst zu benutzen. Sie wurden furchtbar geprügelt, bis daß für sie das Wort gilt „vae victis“ ... An hundert Stück der Tiere sollen in Breslau allein sein; dazu bekommen sie, die an die üppige rumänische Weide gewöhnt waren, elendes und karges Futter. Sie werden schonungslos ausgenutzt, um alle möglichen Lastwagen zu schleppen, und gehen dabei rasch zugrunde. – Vor einigen Tagen kam also ein Wagen mit Säcken hereingefahren, die Last war so hoch aufgetürmt, daß die Büffel nicht über die Schwelle bei der Toreinfahrt konnten. Der begleitende Soldat, ein brutaler Kerl, fing an, derart auf die Tiere mit dem dicken Ende des Peitschenstieles loszuschlagen, daß die Aufseherin ihn empört zur Rede stellte, ob er denn kein Mitleid mit den Tieren hätte! „Mit uns Menschen hat auch nienmand Mitleid“, antwortete er mit bösen Lächeln und hieb noch kräftiger ein ... Die Tiere zogen schließ an und kamen über den Berg, aber eins blutete ... Sonitschka, die Büffelhaut ist sprichwörtlich an Dicke und Zähigkeit, und die war zerrissen. Die Tiere standen dann beim Abladen ganz still und erschöpft, und eins, das, welches blutete, schaute dabei vor sich hin mit einem Ausdruck in dem schwarzen Gesicht und den sanften schwarzen Augen wie ein verweintes Kind. Es war direkt der Ausdruck eines Kindes, das hart bestraft worden ist und nicht weiß, wofür, weshalb, nicht weiß, wie es der Qual und der rohen Gewalt entgehen soll ... ich stand davor, und das Tier blickte mich an, mir rannen die Tränen herunter – es waren seine Tränen, man kann um den liebsten Bruder nicht schmerzlicher zucken, als ich in meiner Ohnmacht um dieses stille Leid zuckte. Wie weit, wie unerreichbar, verloren die freien saftigen grünen Weiden Rumäniens! Wie anders schien dort die Sonne, blies der Wind, wie anders waren die schönen Laute der Vögel oder das melodische Rufen der Hirten. Und hier – diese fremde schaurige Stadt, der dumpfe Stall, das ekelerregende muffige Heu mit faulem Stroh gemischt, die fremden furchtbaren Menschen, und – die Schläge, das Blut, das aus der frischen Wunde rinnt ... Oh, mein armer Büffel, mein armer, geliebter Bruder, wir stehen hier beide so ohnmächtig und stumpf und sind nur eins in Schmerz, in Ohnmacht, in Sehnsucht. – Derweil tummelten sich die Gefangenen geschäftig um den Wagen, luden die schweren Säcke ab und schleppten sie ins Haus; der Soldat aber streckte beide Hände in die Hosentaschen, spazierte mit großen Schritten über den Hof, lächelte und pfiff leise einen Gassenhauere. Und der ganze herrliche Krieg zog an mir vorbei ...
Schreiben Sie schnell, ich umarme Sie, Sonitschka.
Ihre Rosa"

Aus "Briefe aus dem Gefängnis" von Rosa Luxemburg