Infobrief Sommer 2013

Liebe Freunde der Vielfalt,

hier in den Karpaten der Ukraine macht sich unsere Initiative nun im fünften Jahr für eines der wichtigsten „Überbleibsel“ der mitteleuropäischen Geschichte stark, der biologischen Vielfalt in der Kulturlandschaft. Wichtig deshalb, da aus der Vielfalt die Varianten eines angepassten Ernährungssystems erwachsen und „Überbleibsel“ deshalb, weil nur noch ein Teil der vor wenigen Jahrzenten existierenden Vielfalt in der Landwirtschaft/Agrobiodiversität, vorhanden ist. Eine parallele Degradation lässt sich in der Biodiversität weltweit gesehen beobachten.

Unsere Initiative arbeitet im Zentrum Europas. Zumindest sind die Ökosysteme der Natur-/ Kulturlandschaften in diesem Teil der Karpaten mit denen der Schweiz, Deutschlands, Österreichs und Polens im natürlichen Zustand nahezu identisch. Auch haben wir eine gemeinsame kulturgeschichtliche Entwicklung mit diesem Gebiet. Nur in den letzten Jahrzenten haben politische Umstände zu einer langsameren oder zumindest andersartigen Implementation der Moderne geführt. Eine Analyse der Kulturlandschaft und ihrer Vielfalt ist für einen Mitteleuropäer möglicherweise an keinem anderen Ort so spannend wie hier. Ungestörte Flussläufe, Teich-wirtschaft, Au- und Hutewälder, Streuobstwiesen, Niederwald und Buchenurwälder um nur einige Landschaftstypen zu nennen in denen wir hier in Transkarpatien arbeiten.

Die geschichtliche Entwicklung der Kulturlandschaft könnte in keinem Märchen nur annähernd so schön beschrieben werden, wie es sich hier in den letzten 6000 Jahren zugetragen hat. Noch bis vor 400 Jahren gab es in den Karpaten riesige Auerochsen und winzige Wildpferde, die Hirten setzten Wasserbüffel zu ihren Schafsherden, um Bären abzuwehren, Zottige Hirtenhunde mit 50 kg und mehr gegen die Wölfe. Die Geschichten der alten Leute erzählen von romantischen Zeiten in denen das Leben von den Tages- und Jahreszeiten bestimmt war. Es gab keine Zäune, außer um die Gemüsegärten vor allerlei Tieren zu schützen und Häuser wurden nie abgeschlossen, sondern ganz im Gegenteil es hatte immer etwas zu Essen für mögliche Besucher auf dem Tisch zu stehen, falls dieser niemanden antreffen sollte. In einer solchen Zeit, als Tiere und Mensch nicht nur Nachbarn waren, sondern auch gute Freunde, sind die Haustierrassen entstanden, für deren Überleben sich unsere Initiative heute einsetzt.

Ich glaube zu wissen, dass die Geschichten der alten Leute hier einen wahr Kern haben, denn der so entstandene Karpatenbüffel wurde auch wegen seiner Milch gehalten. Doch heute in unserer schnelllebigen Gesellschaft ist niemand mehr (bis auf ein paar wenige alte Leute) in der Lage diese hochintelligenten Tiere zu melken. Nur mit einer respektvollen Arbeitsweise ist es möglich das nötige Vertrauen dieser Büffel zu gewinnen. Fünf von Sieben Partnern, denen wir direkt oder indirekt Büffel vor Ort vermittelt haben, beschweren sich über massive Probleme mit den Tieren. Zwei wollen uns nach nur 15 Monaten die Tiere wieder zurückgeben. Und wir haben nur Mischlinge vermittelt. Wenn ich meinen Freund Valery Palovitsch Bovt frage, wie es möglich war dass auf der damaligen Kolchose, noch vor 20 Jahren unter seiner Leitung, hunderte dieser Büffel gemolken werden konnten, verfällt er in einen Redeschwall aus Anekdoten und herzergreifenden Erinnerungen, die gar kein Ende nehmen wollen, doch in nackten Tatsachen mit dem übereinstimmen, was ich auf allen Büffelfarmen alten Rassen aus Rumänien beobachten konnte: Massenabfertigung, starker Selektionsdruck, einsatz von Hormonen/Drogen (Oxitocin) und Einkreuzung von (minderbemittelten) Hochleistungszuchtrassen mit Ursprung in Indien oder neuerdings Italien.

Was wir hier versuchen am Leben zu erhalten ist nicht bloß ein intelligenter Bergbüffel, der genau so heimisch in Europa ist wie der Auerochse es einst war, sondern es ist eine lebendige Kulturgeschichte die beweist, dass es eine Symbiose gegeben hat, ein freiwilliger Vertrag zwischen Tier und Mensch, von denen beide Seiten profitiert haben. Denn nur so, freiwillig, ist ein Karpatenbüffel bereit seinem vertrauten Besitzer Milch und Arbeitskraft zu schenken.

Wir konnten die Milch der Büffel in den letzten Jahren an die lokale Bevölkerung verkaufen oder gegen Lebensmittel eintauschen. Auch ist es uns gelungen eine Absatzkette für Milchprodukte in Nischenmärkte zu etablieren. Unser Einsatz für diese Tiere hat zu einer leichten aber stätigen Erholung des Bestandes geführt. Erstmals seit vielen Jahren wird es wohl dieses Jahr wieder mehr als 70 Wasserbüffel in der Ukrainisch/Transkarpatischen Population geben.

Besonders erwähnen möchte ich diesmal Roman aus Chust, der nun seit 3 Jahren mit unserer Hilfe mittlerweile 8 Büffel zuhause überwintert, für diesen Sommer hat er uns 6 Büffel bringen können, die nun auf unserer Gemeinschaftsweide in Steblivka stehen und zusammen mit dem Hirten Mischa, der Schäferhündin Ammily und 16 weiteren Büffeln täglich 12h die Weichholzauen und Hutungen an der Theiss unsicher machen dürfen. Leider ist bisher kein einziger Büffelbetrieb ökonomisch selbsttragend. Jeder Besitzer eines oder vieler Tiere in der Ukraine muss zugeben, dass die Haltung der Tiere mehr kostet als Milch oder Fleisch einbringen kann. Sollte ein Tier besonders schwierig sein oder der Idealismus seines Besitzeres erschöpft, ruft dieser bei uns an. Somit haben wir nun nicht nur die intelligentesten, unökonomischsten und schwierigsten Individuen auf unserem Hof der Rettungsstation Saldobosch, sondern auch den größten Bestand an reinrassigen Karpatenbüffeln in der Ukraine. Von diesen Tieren gibt es nur noch 10 Individuen, 6 davon bei uns. Nach dieser Einleitung darf ich uns d.h. die Arc&Rescuestation Saldobosch aus Steblivka und ihre Mitarbeiter einmal kurz vorstellen.

Es ist nicht ganz einfach das gesamte Team mit dem Umfeld gerecht zu beschreiben, da es sehr viele Menschen gibt, die auf die eine oder andere Weise involviert sind. Ich versuche also die Farm aus meiner Perspektive von innen nach außen zu beschreiben. Es geht hauptsächlich um die Erhaltung dieser 10 Individuen, von denen wie erwähnt 6 in Saldobosch stehen so wie die Zusammenarbeit mit den Haltern der anderen 4 Tiere. Hier wird der genetische Austauch von mir, Michel Jacobi, streng überwacht. Die anderen Büffel in Saldobosch sind Mischlinge mit teils sehr interessantem Charakter. Mischa der Hirte kümmert sich um das Wohl dieser Tiere. Igor aus Steblivka überwacht den Ablauf der Prozesse, die Zufriedenheit der Hirten, die Fütterung der Tiere/Tiergesundheit, den Zustand der Gebäude und die offiziellen Angelegenheiten nach Aussen. 16 Huzulenpferde werden zusammen mit den Büffeln gehalten und von dem Hirten Vitja täglich betreut. Colia hilft den Hirten bei der Arbeit, melkt die Büffel, vermarktet die Milch und betreut Touristen oder Praktikanten. Valery Palowitsch Bovt ist Landbesitzer und Gebäudeeigentümer, ein großzügiger Gönner vom alten Schlag, er vertritt uns in schwerwiegenden Angelegenheiten nach aussen. Linda, Alina und Katja sind motiviere, freiwillige Mitarbeiter, die sich aus wissenschaftlichen Perspektiven der Farm und ihrem Umfeld nähern. Linda schreibt ihre Bachelorarbeit über das Volk der Huzulen und ist an alternativen Kommunen im slawischen Raum interessiert. Alina arbeitet an einem geförderten Forschungsprojekt zu Tourismus und lokaler kleinbäuerlicher Wirtschaft in Steblivka und hilft Colia die Milch zu verkaufen. Katja macht zusammen mit der Humbold Universität zu Berlin vergleichende genetische Analysen unserer Büffel und anderer Populationen um die Herkunft der Karpatenbüffel zu analysieren. Ausserdem züchten wir in Saldobosch die seltenen schwalbenbäuchigen Mangalizaschweine, eine beinahe in Vergessenheit geratene Weideschweinrasse aus der Region. Igor ist hier besonders involviert. Wir arbeiten mit vielen unterschiedlichen Interessensgruppen zum Wohle unserer Tiere und ihrer Population zusammen. Unterstütz werden wir vorallem von der Save-Foundation, Hans Peter Grunenfelder und vielen Privatpersonen.

Getragen wird Saldobosch von dem Ukrainischen Verein SATrans, der von einer Leasingruppe aus Kiev finanziell unterstützt wird und dem deutschen Pendant Initiative zum Erhalt seltener Haustierrassen in den Karpaten e.V., der auf privatspenden und Mitgliedsbeiträge angewiesen ist. Besonders erwähnenswert ist noch die Zucht der Huzulenpferde. Dieses Projekt wurde bisher nur von Hans Peter Grunenfelder und Michel Jacobi finanziell unterstützt und ist nun dabei internationale Aufmerksamkeit zu erlangen.

Zusammen mit einigen ukrainischen Experten und durch internationale Experten gefördert ist nun ein ukrainischer Verein entstanden zur Erhaltung von Merkmalen des europäischen Wildpferdes bei den Huzulenpferde. Die von uns gehaltenen Tiere sehen dem ausgestorbenen europäischen Wildpferd sehr ähnlich. Internationale Organisationen wie die Large Herbivore Network, Free Nature oder der östereichische Huzulenzuchtverband interessieren sich plötzlich für unsere zebrierten Ponys aus Saldobosch. Trotzdem suchen wir noch immer Paten die bereit sind einzelne Tiere oder das Projekt finanziell zu unterstützen. Ab dem Jahr 2014 werden wir Reit-/Wandertouren mit einigen dieser Bergponnys anbieten können.

Momentan bin ich noch im Ausland um Geld zu verdienen, damit wir in Saldobosch eine kleine Käserei aufbauen können. Ab Anfang September 2013 werde ich dann wieder persönlich die Leitung vor Ort, zusammen mit Igor und einer Gruppe motivierter Freiwilliger übernehmen können. Bis dahin wünsche ich mir, dass die bisherige Zusammenarbeit weiterhin so gut funktioniert und dass sich viele von Euch für das nächste Jahr vornehmen uns einmal besuchen zu kommen.

Vielleicht mag auch der ein oder andere unsere chronisch unterfinanzierte Initiative mit Geld oder Sachspenden unterstützen oder hat weitere Ideen einer Zusammenarbeit.

Vielen Dank, Euer Michel